12 1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es , 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. 7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Liebe Gemeinde,
sind Sie guten Mutes?
Ja? Dann haben Sie schon etwas mit dem Apostel Paulus gemeinsam. Der ist nämlich auch guten Mutes.
Das hat Martin Luther auch schön übersetzt : „Ich bin guten Mutes.“ Die Botschaft ist klar: Ich lasse mich nicht nur nicht unterkriegen. Es gibt vielmehr etwas Positives in mir, etwas, das mit Dankbarkeit, Zuversicht und Mut zu tun hat. Etwas altertümlich klingt das vielleicht: Ich bin guten Mutes.
Die Gute Nachricht hat deshalb auch etwas zeitgemäßer und alltagssprachlicher Übertragen: „Ich freue mich über meine Schwächen.“ Aber das hört sich ein bisschen oberflächlich an und trifft wohl auch das Gemeinte nicht so genau. Ist das wirklich so, dass ich mich über meine Schwächen freue? Das glaube ich nicht.
Die Einheitsübersetzung klingt da schon etwas ernsthafter: „Ich bejahe meine Ohnmacht.“ Das klingt allerdings sehr vernünftig: „Wenn ich mich jetzt schon entscheiden muss, ob ich meine Ohnmacht bejahe oder verneine, dann entscheide ich mich fürs Bejahen.“ Bejahen allein macht es aber nicht, es geht ja auch ums Aushalten, ohne dabei zu Grunde zu gehen.
Etwas distanziert und vergeistigt sagt es die Elberfelder Bibel: „Ich habe Wohlgefallen an Schwachheiten“. Das klingt wie: Ich mag gern Briefmarken. Der eine hat Wohlgefallen an Briefmarken, der andere Schwachheiten.
Guten Mutes. Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn ich guten Mutes bin? Wenn ich guten Mutes bin, dann bin ich zuversichtlich, dass der heutige Tag es schon gut mit mir meint, auch wenn nicht alles glatt geht.
Dann bin ich guter Dinge, weil bei allem, was ich heute erleben werde, sicher auch etwas dabei ist, woran ich mich freuen kann, was mich bestätigt, was mir gut tut oder mich vielleicht sogar glücklich macht.
Und wenn es nicht so kommt, weil mir etwas misslingt oder ich mich streite oder krank bin und Schmerzen habe, dann will ich einfach erst einmal hoffen, es wird am Ende doch nicht so schlimm werden, dass ich den Mut vollends sinken lasse.
Und selbst dann, wenn es ein rabenschwarzer Tag ist, den ich gern aus dem Kalender streichen möchte, dann gibt es doch noch immer irgendetwas, das mich hält, das mich trägt – auch wenn ich es nun gerade mal nicht spüren kann. Wenn ich nicht mehr weiß, was ich beten kann, sagt Paulus an anderer Stelle, dann ruft doch der Geist an meiner Stelle: Lieber Vater.
Ich glaube, so ist das, wenn ich guten Mutes bin.
Ein bisschen Trotzsteckt da drin. „Ja, das weiß ich auch, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.“ – „Ja, das hätte ich auch gerne, dass alles toll ist und ich gut drauf bin, die Menschen mich mögen und es mir gut geht.“ – Aber das ist nun mal nicht immer so.
Trotzdem bin ich guten Mutes.
Trotzdem, und jetzt erst recht. Es gab Zeiten, da hat man diesen Trotz geradezu als Kennzeichen des Glaubens angesehen: Trotz des alten Drachen. Trotz Sünde, Tod und Teufel.
Trotz ist nicht nur eine kindliche oder kindische Aufsässigkeit. Trotz hat auch etwas mit Selbstbehauptung, mit Selbstachtung, mit Würde zu tun. „Das wollen wir doch mal sehen, ob wir hier klein beigeben.“
Da mag der Riese Goliath kommen mit seinem Panzer und seinem Schwert. Ich, der kleine David, bin dennoch guten Mutes und lasse mich nicht so ohne weiteres unterkriegen.
Manchmal hat man einfach Glück. Manchmal ist es auch das Glück des Tüchtigen. Das nächste Mal kommt mir ganz unverhofft jemand zur Hilfe, wenn es ganz eng wird, und hält für mich den Kopf hin.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie mein großer Bruder sich eingemischt hat, als so ein paar Schulkameraden mich verhauen wollten. Er hat sich einige Blessuren dabei geholt, aber sei’s drum – er hat seinen kleinen Bruder herausgepaukt.
Wenn man nicht der Stärkste ist, damit wird man nicht berühmt. Berühmt werden die Reichen und Schönen, die Großen und Starken, die Prominenten und die Sieger. Es können bewundernswerte Lebensleistungen dahinter stecken, aber oft ist es auch eine Mischung aus Skrupellosigkeit und heißer Luft.
Man soll es nicht meinen, aber das Bestreben, groß rauszukommen und andere in den Schatten zu stellen, gab es von Anfang an auch in der christlichen Gemeinde.
Wenn ich nun nicht berühmt bin und groß herauskomme, wessen kann ich mich dann rühmen? „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“
Was ist eigentlich auch der konkrete Anlass, den Paulus vor Augen hatte, als er diesen Text schrieb? Er hatte Streit mit seiner Gemeinde.
Du schreibst uns aus der Ferne großartige Briefe, halten ihm die Leute in Korinth vor, aber wenn du hier mal aufkreuzt, dann machst du nicht viel her. Die begeisternden Reden gehen dir ab, da sind andere viel überzeugender als du. Es mag ja sein, dass du ganz geschäftig und tüchtig bist, aber besonderes angesehen bist du nicht. Andere können Empfehlungsschreiben vorlegen von prominenten Gönnern und von Leuten, die was darstellen, und du? Deine Erscheinung ist dagegen eher blass.
Es ist heftig zur Sache gegangen damals, und es sind wohl auch Tränen geflossen. Paulus ist gekränkt, bitter und traurig. Aber er gibt nicht auf. Er schreibt sinngemäß, durchaus ein bisschen trotzig:
„Rühmt euch nur. Rühmt euch eurer großen Offenbarungen, die ihr zu haben meint. Rühmt euch der Empfehlungsschreiben, die ihr vorlegen könnt. Rühmt euch eurer Begeisterungsfähigkeit und eures Charisma.
Das könnte ich auch tun. Davon mal ganz abgesehen: So ganz ohne innere Glaubenserfahrung bin ich auch nicht. Vor vierzehn Jahren war ich regelrecht entrückt und habe Gott in einer Weise persönlich erfahren – davon könnt ihr nur träumen.
Und was die äußere Glaubensbewährung angeht: Wer ist denn seit Jahren unter Gefahr und in Verfolgung unterwegs, um das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen und Gemeinden zu gründen und zu begleiten? Gefängnis, Schläge, Drohungen – wer hat das alles auf sich genommen? Eure Superapostel vielleicht? Eure Stimmungsmacher und Meinungsmacher? Darauf will ich aber gar nicht pochen; denn das ist nicht der Punkt.
Abgesehen davon kenne ich auch das Risiko, das mit einer so hohen Berufung und einer so tiefen Erfahrung des Glaubens verbunden ist. Man übernimmt und überschätzt sich leicht. Wer hoch steigt, kann tief fallen. Da habe ich auch meine Lektion lernen müssen. Mir ist der Selbstruhm gründlich vergangen.
Ich leide unter ständigen körperlichen Schmerzen, die peinigen mich wie ein Pfahl in meinem Fleisch. So gern ich sie losgeworden wäre, so sehr ich Gott gebeten habe, mich davon zu befreien – ich erhielt die Antwort: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Haben Sie eigentlich auch so einen Pfahl im Fleisch, der sie ärgert und quält und sie auf den Boden der Tatsachen zurückholt? Es ist, als ob jemand zu uns sagte: "Nun bleib mal schön auf dem Teppich mit deinen hochfliegenden Träumen! Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Dieses Wort begleitet uns ja in diesem Jahr 2012 als Jahreslosung.
Man hat den Eindruck, als hätte Paulus ein Problem damit, wenn Menschen etwas gut gelingt und sie dafür auch Anerkennung bekommen. Es hat geradezu den Anschein, als spräche hier der Verlierer mit Neid und Missgunst über Menschen, die ihm überlegen sind und deshalb auch den Beifall der Gemeinde finden.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat genau deshalb den christlichen Glauben gescholten: Er stelle das Schwache und Minderwertige in den Mittelpunkt, anstatt das Lebenstüchtige und Starke zu bewundern.
Aber dieser Eindruck täuscht.
Paulus freute sich sehr über lebendige Gemeinden mit Ausstrahlung, deren guter Ruf sich in der ganzen Region ausbreitete. So schreibt er an die Thessalonicher: „Ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja.“
Und das Lebenswerk des Apostels, seine Arbeit, sein Einfluss, seine Wirkung bis heute, zweitausend Jahre nach seinem Tod, brauchen wohl keinen Vergleich mit irgend welchen Großen in der Geschichte zu scheuen.
Ich glaube, die Botschaft ist wohl eine andere:
„Glamour und Charisma allein machen es nicht. Lasst euch den Blick schärfen. Schaut genauer hin. Es könnte ja sein, dass Ihr nicht nur in dieser Sache, die mich betrifft, auf den schönen Schein hereinfallt und euch blenden lasst. Ich gönne euch ja auch die Freude und die Erbauung. Es fällt mir nicht im Traum ein, gute Leistungen und den Beifall der Gemeinde für eine glaubwürdige und ausstrahlende Verkündigung schlechtzureden. Aber lasst euch einfach nicht über Gebühr beeindrucken durch Menschen, die sich selber rühmen und sich gern von anderen rühmen lassen.“
Heute würden wir wohl sagen: Achtet auf eine Kultur der Wertschätzung und des wechselseitigen Respekt.
Ich brauche keine Empfehlungsbriefe. Ihr seid mein Empfehlungsbrief. Ich brauche keine Bewunderung. Ich möchte viel lieber bewundern, was Christus durch euch tut. Das ist viel wichtiger.
Und da bin ich guten Mutes. Wenn also schon gerühmt werden muss, was eigentlich albern ist, dann lasst uns rühmen, wie Gott trotz allem und durch alle Widrigkeiten hindurch seine Gemeinde durch die Zeiten erhält.
Es ist einfach ein Wunder, wie der Geist Gottes immer wieder Menschen für sich gewinnt, sie mit Glauben erfüllt, sie stärkt und trägt und tröstet, sie sammelt und sendet.
Es ist einfach ein Wunder, dass es an jedem Morgen neu wieder geschehen kann, dass wir sagen: Ich bin guten Mutes.
Und wenn Sie jetzt wieder oder immer noch oder möglicherweise bald wieder guten Mutes sind, dann hat der Geist auch an uns wieder sein Wunderwerk getan.